Die Waldorfpädagogik: vom Kleinkind bis zum Erwachsensein

Waldorfpädagogik im Kleinkindalter

In den ersten sieben Jahren ist das Kind noch ganz damit beschäftigt, die Welt und sich selbst kennenzulernen. Es ist die Phase des größten körperlichen Wachstums, für die das Kind viele Lebenskräfte braucht. Diese Kräfte regenerieren sich in einem rhythmischen Tagesablauf, in dem sich Phasen der Aktivität mit Phasen der Ruhe abwechseln. Feste Tageszeiten für das Essen und Schlafen und eine gewisse gleichbleibende Struktur des Tages geben dem Kind Sicherheit und helfen ihm, seinen eigenen Rhythmus zu finden. Wenn sich jeden Tag der vertraute Ablauf wiederholt, kann das Kind abends einschlafen in der Gewissheit, dass morgen alles wieder seine Ordnung hat. Den für das ganze weitere Leben grundlegenden ersten drei Jahren kommt eine ganz besondere Bedeutung zu. Während man früher davon ausging, dass die Kinder in dieser Zeit in der häuslichen Umgebung aufwachsen, spielt heute die außerfamiliäre Betreuung eine zunehmend größere Rolle. Dem trägt die Waldorfpädagogik Rechnung, indem in vielen Kindergärten Kleinstkindbetreuung angeboten wird. Außerdem werden Tagesmütter und -väter ausgebildet (in Köln seit 2007). Es gibt auch waldorfpädagogische Spielgruppen, in denen die Kleinsten in geschütztem Rahmen ihre eigene Kleingruppe haben. In Waldorfeinrichtungen ist die Woche durch eine spezielle Prägung der einzelnen Wochentage strukturiert. Die Kinder erleben die Vorgänge in der Natur im Wechsel der Jahreszeiten mit. Naturvorgänge werden betrachtet und in Jahreszeiten- und christlichen Festen gefeiert, was eine eigene Tradition und Verbundenheit schafft, die oft ein Leben lang trägt. Mit jeder Jahreszeit sind ein bestimmter Erzählstoff, spezielle Märchen und Geschichten verbunden. Ein wichtiges Element im Kindergarten ist das freie Spiel. Es ist in seiner fröhlichen, lauten oder besinnlichen Art eine wichtige und ernste Angelegenheit und in seiner Bedeutung der Arbeit des Erwachsenen gleichzusetzen. Das Spielzeug des Kindes sollte ihm viel Raum für die eigene Phantasie lassen. Im Spiel wollen die Sinne des Kindes angeregt werden, es will mit Händen und Füßen die Welt ergreifen und begreifen können. Je einfacher das Spielmaterial ist, desto vielfältiger ist es zu verwenden: Kastanien können die Kartoffeln im Kaufmannsladen sein aber ebenso der Schatz, den die Seeräuber finden müssen.

Die Waldorfschule

Der Lehrplan der Waldorfschulen ist auf die Weite der in den Kindern liegenden seelischen und geistigen Veranlagungen und Begabungen ausgerichtet und nicht einseitig nur auf kognitive Fähigkeiten und auf Auslese. Deshalb tritt vom 1. Schuljahr an neben die mehr sachbezogenen Unterrichtsgebiete ein vielseitiger künstlerischer Unterricht. Durch diesen werden die für den einzelnen Menschen wie für die Gesellschaft wichtigen schöpferischen Fähigkeiten und Kräfte gefördert. In der Waldorfschule durchlaufen alle Schüler und Schülerinnen ohne Sitzenbleiben zwölf Schuljahre. Künstlerisch-handwerklicher Unterricht Von der 1. bis 12. Klasse werden Malen und Plastizieren, Handarbeiten, Musizieren, Singen und Theaterspielen sowie Eurythmie gepflegt. In der Bewegungskunst Eurythmie (griech.: harmonisierende Bewegung) werden Elemente der Musik und der Sprache in Bewegung umgesetzt. Charakteristisch ist hier der Wechsel von Ruhe und Bewegung, von Spannung und Entspannung. Spielerisch werden Körperbewusstsein, Grob- und Feinmotorik, Konzentrationsfähigkeit, seelische Beweglichkeit und die Wahrnehmungsmöglichkeiten im sozialen Miteinander der Kinder altersgerecht geübt. Ein vielfältiger handwerklicher Unterricht ab der 3. Klasse gibt eine lebenspraktische Basis, sein Leben schöpferisch in die Hand zu nehmen. Gartenbau von der 5. Klasse an soll in den Kindern schon früh eine Beziehung zur Natur wecken und pflegen. Bildhafter Unterricht In den ersten Schuljahren, in denen die eigene Urteilskraft der Schüler erst heranreift, ist „bildhafter“ Unterricht ein wesentliches Unterrichtsprinzip. Die Tatsachen werden so behandelt, dass die Schüler zusammen mit dem Anschaulichen auch das Gesetzmäßige und Wesenhafte der Dinge verstehen und erleben. Wissenschaftlicher Unterricht Dem Streben nach eigener Lebensgestaltung und Urteilsbildung vom 14. Lebensjahr an entspricht der wissenschaftliche Charakter vieler Unterrichtsfächer vom 9. bis 12. Schuljahr. Die Waldorfschulen sehen hier die pädagogische Aufgabe nicht darin, eine voruniversitäre Ausbildung zu betreiben, sondern den Unterricht inhaltlich so auszurichten, dass er sich mit den Lebensfragen des jungen Menschen verbinden kann und Antworten gibt. Epochenunterricht Ein wichtiges Mittel der Unterrichtsgestaltung ist der Epochenunterricht. Dabei wechseln sich die einzelnen Fächer alle 3 bis 4 Wochen ab, werden zeitlich also epochenweise erteilt, was die Konzentration auf einen Themenbereich ermöglicht. Epochenunterricht wird in den Fächern durchgeführt, in denen Sachgebiete in sich geschlossen behandelt werden können (Deutsch, Geschichte, Mathematik, Naturwissenschaften). Gebiete, die laufender Übung bedürfen (künstlerischer und handwerklicher Unterricht, Fremdsprachen), werden in Fachstunden erteilt. Fremdsprachenunterricht Ab der ersten Klasse lernen die Kinder zwei Fremdsprachen, in der Regel Englisch und Russisch oder Französisch. In den ersten Jahren wird in diesen Sprachen gesungen, gespielt (kleine Rollenspiele) und es werden Fragen und Antworten geübt. Die Kinder benutzen die fremden Wörter nachahmend und tauchen so in Klang und Melodie der Sprachen ein. Zeugnisse und Abschlüsse Die Waldorfschulen haben mit der Auslese auch das übliche Zensurensystem abgeschafft. Die Zeugnisse bestehen aus möglichst detaillierten Charakterisierungen, die die Leistung, den Leistungsfortschritt, die Begabungslage und das Bemühen in den einzelnen Fächern durchsichtig machen. Die Schüler schließen die Schule mit mittleren Abschlüssen, Fachhochschulreife oder dem Abitur (nach dem 13. Schuljahr) gemäß den in den Bundesländern jeweils geltenden Regeln ab. Außerdem gibt es an Waldorfschulen hauseigene Abschlüsse als künstlerische Kollektivleistung der Klasse (12.-Klass-Spiel, Eurythmie-Abschluss) und als individuelle Jahresarbeit in der 12. Klasse, in der ein selbst gewähltes Thema schriftlich und praktisch erschöpfend erarbeitet und dargestellt wird.

Erwachsenenbildung

Der Mensch ist ein Wesen, das ständig in Entwicklung begriffen ist, womit die Aufgabe verbunden ist, selbst aktiv daran zu arbeiten. In allen Einrichtungen der Waldorfpädagogik ist darum die Elternarbeit ein wichtiger Bestandteil. Darüber hinaus bieten Bildungswerke ein breites Themenspektrum an, das sich an den spezifischen Erfahrungsfeldern Erwachsener orientiert, denn Erwachsenenlernen unterscheidet sich durchaus vom Lernen im Kindes- und Jugendalter. Eine wichtige Aufgabe in der Waldorfpädagogik ist die Aus- und Fortbildung von pädagogischen Fachkräften. Dies geschieht in speziellen Hochschulen, Fachschulen, Waldorfseminaren und Bildungswerken. Deren Aufgabe ist nicht nur, die bisher erarbeiteten Grundlagen der Waldorfpädagogik zu tradieren, sondern innovativ die Pädagogik nach den Erfordernissen der Zeit weiter zu entwickeln – was sich sowohl auf die Inhalte als auch auf die Methodik bezieht. Dies geschieht nicht zuletzt auch auf diversen Symposien und Kongressen.

Außerschulische Kinder- und Jugendarbeit

Der Bereich der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit, die von der Waldorfpädagogik impulsiert ist, hat sich in den letzten Jahren stark ausgeweitet. Hier sind vor allem erlebnispädagogische Ferienmaßnahmen zu nennen. Aber auch im Rahmen der Erweiterung zu Ganztagsschulen gibt es entsprechende Angebote wie z. B. Zirkus- und Theaterprojekte. Ein anderer Bereich ist die pädagogisch-therapeutische Arbeit innerhalb und außerhalb von Kindergarten oder Schule, wie z.B. Sprach- und Maltherapie oder Heileurythmie. Auf dem Gebiet der Sozialpädagogik sind ebenfalls verschiedene Initiativen tätig, etwa in der Arbeit mit straffällig gewordenen Jugendlichen oder mit Kindern, die den Schulbesuch verweigern. Der gesellschaftliche Bedarf ist sicherlich noch weitaus höher. Viele Aufgaben warten noch darauf angegangen zu werden.